Was hat das mit mir zu tun?

Warum habe ich mir den Text über Ibrahim Camara ausgesucht? Ein junger Mann aus Mali, der nach Europa migrieren wollte und dabei scheiterte. Nun lebt er wieder in Mali bei seinen Eltern und bewirtschaftet die Felder der Familie. Aus welchem Grund er wiederkehren musste, geht aus dem Text, den ich gelesen habe, nicht hervor. Dafür werden einige Bemerkungen gemacht über die Situation der Menschen in Mali, dass sie arm sind und durch die fortschreitende Privatisierung von Land noch ärmer werden. Dass Ibrahim wie viele Männer seines Alters vor der Perspektivlosigkeit fliehen. Alles Dinge, die mir nicht neu sind. Mich nicht mehr schocken. Mein Interesse gilt eher den Menschen, die bis jetzt erfolgreich geflüchtet sind. Ihnen kann ich helfen. Sie sind konkret. Gewiss ist die Lage von Menschen wie Ibrahim schlimm, aber ihm zu helfen ist mir nicht möglich und sensibilisiert bin ich auch schon für das Thema. Warum habe ich dann so zielstrebig nach dem Text mit seiner Geschichte gegriffen? Gibt es etwas, was mich mit ihm verbindet? Ibrahim ist männlich, nur vier Jahre älter als ich und in diesen Parametern bin ich ihm nicht unähnlich. Aber das ist doch kein Grund für echtes Interesse. Dann fällt es mir ein: Weil er nicht verheiratet ist und keine Kinder hat, wird er, obwohl er kein Jugendlicher mehr ist, in Mali immer noch als „Jeune“, als „Junger“ bezeichnet. Was für Ibrahim aller Wahrscheinlichkeit nach eine Demütigung ist, gibt mir, Mitteleuropäer, 23 Jahre, männlich, weiß, Grund zur Hoffnung. Wenn es Menschen gibt, die mit 27 noch als jung bezeichnet werden, dann bin ich auf jeden Fall noch jugendlich. Jung und schön. Die Welt steht mir offen. Ich merke, wie ich Ibrahim beneide und stelle mir vor, wie ich durch den Verzicht auf jeglichen sexuellen Kontakt ewig jung bleibe. Dann fällt mein Blick auf Ibraims Foto. Vielleicht bin ich doch nicht so sensibilisiert für das Thema, wie ich gedacht habe.

 

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