Wir und die anderen

Jannik Veenhuis zitiert in seinem Vortrag Edward Said: „Indeed, my real argument is that Orientalism is – and does not simply represent – a considerable dimension of modern political-intellectual culture, and as such has less to do with the Orient than it does with ‚our‘ world.“

Positionieren Sie sich zum Kerngedanken dieses Zitats und erörtern Sie dessen Stellenwert im Kontext der (freiwilligen) Flüchtlingsarbeit.

(vgl. Vortrag am 15.11.2017: „Einführung in den Islam“, Jannik Veenhuis)

Studierendenbeiträge:

Edward Said wandte das Prinzip des „Othering“, also die Selbstdefinition durch Abgrenzung vom vermeintlich Anderen, als einer der Ersten in postkolonialen Kontexten an. Darauf bezogen, wie auch das oben genannte Zitat verdeutlicht, prägte Said den Begriff des Orientalismus, den er als ein westliches Wissenssystem einordnete, das den „Orient“ zu kolonialistischen und imperialistischen Zwecken instrumentalisiert, um nationales Denken zu stärken und die eigene Gesellschaft mit einem gemeinsamen Antagonisten zu vereinen. Es erscheint mir sehr plausibel, dass das in westlichen Gesellschaften angenommene Wissen über die nicht einmal geographisch oder kulturell festgelegte Region des „Orients“ stark vereinfacht ist, und ihn entweder absurd romantisiert oder als übertriebenes Feindbild skizziert. Die daraus entstehenden, unrealistischen Einschätzungen und Verurteilungen sind insofern gefährlich, als dass die verschiedenen Gesellschaften des „Orients“ und der „Westens“ nicht unabhängig voneinander existieren, darüber hinaus sogar ein deutliches Machtgefälle zugunsten des „Westens“ erkennbar ist. Auch in der Arbeit mit Geflüchteten in Deutschland, die zu einem großen Teil der Teil der Welt kommen, der gemeinhin mit dem „Orient“ assoziiert wird, führen die gegenseitigen Vorurteile zu erheblichen Schwierigkeiten. Auch hier kommt aber das gleiche Machtgefälle zum Tragen, und somit kommt durch Orientalismus geprägten Vorurteilen, angenommenem Wissen und Deutungen bestimmten Verhaltens wohl besonderes Gewicht zu. Für die Flüchtlingsarbeit ergibt sich deshalb aus dem Zitat meiner Meinung nach die Aufforderung, die Herkunft von Wissen und Vorurteilen über den kulturellen Hintergrund von Geflüchteten und die daraus resultierenden Handlungen zu überprüfen und zu reflektieren. Für besonders wichtig halte ich es, den Dualismus von „Morgen- vs. Abendland“ und „Westen“ vs. „Orient“ aufzubrechen und fremd wirkende Lebensansätze von Geflüchteten nicht als das krasse Gegenteil zum Eigenen zu werten und damit auf die gefährlichen Vereinfachungen des Orientalismus hereinzufallen.

(Beitrag von C.K.)

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„Wir und die anderen“ Dieser Gedanke ist einer der Kerngedanken der Postcolonial Studies, mit dem ich mich auch in meinem Studium der Kunstgeschichte immer wieder auseinandersetze. Indem wir etwas „Anderes“ als „anders“ definieren, definieren wir auch gleichzeitig unser „Eigenes“. Dies sind Phänomene, die aktuell auch in der Tagespolitik immer wieder in eigentlich erschreckender Form auftauchen. Beispielsweise, wenn Seehofer kurz nach seinem Amtsantritt AfD-like behauptet, „Der Islam gehört nicht zu Deutschland“. Eine vollkommen unsachgemäße Aussage. Denn natürlich gehört der Islam zu Deutschland, schließlich leben Millionen von Muslime hier und die (Kultur-)Geschichte Deutschlands wurde nachweislich seit Jahrhunderten intensiv durch den arabisch-muslimischen Raum geprägt. Ohne einen Schrifttransfer aus dem „Osten“ nach Europa, hätte es hier, wenn es überhaupt noch dazu gekommen wäre, lange gedauert, bis sich auf antike Texte bezogen werden konnte und der Humanismus wiederentdeckt werden konnte, durch den letztendlich die Aufklärung zustande kam (ganz verkürzt gesagt). Kulturen leben von einem ständigen gegenseitigen Austausch und durch multidirektionale Verwobenheiten. Gerade in Zeiten der Globalisierung, die massiv durch westliche Kolonialisierungen vorangetrieben und überhaupt erst ermöglicht wurden, tragen wir dazu bei, dass es anderen Staaten so geht wie es ihnen geht. In Bezug auf die Flüchtlingspolitik darf dies nie vergessen werden. Und für die Flüchtlingsarbeit ist Saids Aussage insofern wichtig, als dass sie uns aufzeigt, dass wir, bevor wir über die „Anderen“ und „deren Kultur“ reden, wir uns unsere eigene Perspektive in dem Ganzen vergegenwärtigen müssen. Anstatt ein „Othering“ zu betreiben, sollte in der Flüchtlingsarbeit gemeinsames betont werden, um nicht ein „ihr“ und ein „wir“ einander gegenüberzustellen, sondern ein „wir“ zu kreieren, an dem alle partizipieren können.

(Beitrag von L.B.)

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Said hat mit dem Begriff Orientalismus beschrieben, wie das westliche Bild auf den „Orient“ (ein nicht abgegrenzter Raum arabischer Länder), das vor allem durch eine unzivilisierte Lebensweise und Darstellungen von Bauchtänzerinnen, dem gegenüberstehend verschleierte Frauen und gewalttätigen arabischen Männern geprägt ist, als Legitimierung einer Herrschaft über den Orient dient. Jannik Veenhuis fügt in seinem Vortrag hinzu, dass der Orient außerdem als traditionell, emotional und religiös konstruiert wird und damit als direktes Gegenüber zum „modernen Westen“ dargestellt wird.  Said hat mit Orientalismus eine gute Basis für postkoloniale Studien aufgebaut, da die Argumentation einer Legitimierung von Herrschaft auch auf die Darstellung anderer ehemaliger Kolonien übertragen wurde. Allerdings geht es Said, wie er auch in dem Zitat sagt, nicht primär um die Darstellung des Orients, sondern darum, dass diese dazu dient, unsere eigene Identität zu kreieren und abzugrenzen. Nur indem Menschen konstruieren, was sie nicht sind, anderes als fremd darstellen und Kategorien aufbauen und Grenzen ziehen, können sie eine Identität schaffen.  Um also den Westen an sich als zivilisiert und modern darzustellen, wird das „Andere“ als unzivilisiert dargestellt: Man spricht von „Othering“. 

Obwohl ich die Orientalismus-Theorie richtig und wichtig finde und darüber hinaus die Orientdarstellung im Kolonialismus durchaus Herrschaftszwecken diente, finde ich es dennoch wichtig sich zu vergegenwärtigen, dass jeder Mensch „Othering“ betreibt und dass viele Kategorien in unserem Kopf institutionalisiert sind und nicht bewusst wahrgenommen werden. Aber gerade weil viele unserer Kategorien institutionalisiert und kolonial geprägt sind, wodurch auch heute noch weltweit Weiß-sein privilegiert ist, ist es wichtig, das zu reflektieren und sich damit auseinanderzusetzen.

Als Freiwillige*r in der Flüchtlingsarbeit kann es also durch diesen institutionalisierten Orientalismus bzw. Rassismus dazu kommen, dass man sich selbst als überlegene*r, zivilisierte*r Helfer*in konstruiert und zwar indem man Geflüchtete als Hilflose, die kein Deutsch können und Bürokratie nicht verstehen, kategorisiert. In anderen Worten wird man der*die gute Helfende durch das, was man den Hilfeempfangenden zuschreibt. Hinzu kommt, dass man grundsätzlich den Geflüchteten aufgrund von ihrer Religion oder Herkunft bestimmte Kategorien zuschreibt, die die deutsche Gesellschaft für Menschen aus diesen Ländern immer wieder reproduziert. So gibt es einige Menschen in Deutschland die Geflüchteten helfen wollen, aber überzeugt sind, dass sie die Geflüchteten zum Christentum missionieren müssen oder Frauen nicht emanzipiert seien, weil sie Kopftücher tragen. Grundsätzlich fährt die deutsche Regierung einen Diskurs von Integration, der vor allem auf Assimilation setzt und viele Deutsche, die von Integration reden, meinen eigentlich, dass die Geflüchteten genauso werden müssen wie sie. Dies ist ebenfalls als Fortsetzung von der kolonialen Idee der „Zivilisierung“ zu betrachten.

Insgesamt ist es wichtig, dass Menschen, die mit Geflüchteten zusammenarbeiten, verstehen, was Orientalismus und institutionalisierter Rassismus sind, um dies zu reflektieren und ein kritisches Weiß-sein aufzubauen, denn nur so können wir es schaffen, den Geflüchteten ein Stück mehr auf Augenhöhe zu begegnen und auch den Geflüchteten selbst mehr Würde zu verleihen, wenn sie auf Unterstützung angewiesen sind.

(Beitrag von J.M.)

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