Critical Whiteness

Tsepo Bollwinkel hat sich in seinem Workshop auf das Phänomen des Voluntourism bezogen. Inwiefern ist dieser kritisch zu sehen – und welche Chancen bietet er aber dennoch? Gehen Sie in Ihrer Reflexion auf den White Savior Complex ein.

(vgl. Workshop vom 20.01.2018: Critical Whiteness – Weißsein erleben. Kritische Begegnung mit einem Privileg. Tsepo Bollwinkel)

Studierendenbeiträge:

Ich selbst war als weltwärts-Freiwillige im Ausland. Höchst kritisch ist beim weltwärts-Programm, dass es aus Entwicklungszusammenarbeitsgeldern finanziert wird.

Deutlich sinnvoller wäre es, solche Freiwilligendienste als Bildungsreisen für junge Menschen zu sehen und auch dementsprechend zu finanzieren. Eine Chance von Freiwilligendiensten ist der Austausch und das entstehen von persönlichen Beziehungen, die zu mehr Verständnis und Wertschätzung führen können.

Doch sie bergen auch viele „Gefahren“. Freiwillige können rassistische und koloniale Muster verfestigen, wenn sie sich als „White Saviour“ inszenieren. Damit Freiwilligendienste nicht globale Ungerechtigkeiten spiegeln und verfestigen, ist es sehr wichtig, dass der Austausch in beide Richtungen stattfindet.

(Beitrag von M.F.)

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Tsepo Bollwinkel geht in seinem Vortrag zu Critical Whiteness auch auf den White Savior Complex ein. Dieser besteht schon seit Jahrhunderten und bezieht sich darauf, dass Menschen weißer Hautfarbe sich Menschen anderer Hautfarbe überlegen fühlen und sich vor die Verantwortung gestellt sehen, anderen „minderbemittelten“ Menschen zu helfen. Dass dies nicht funktionieren kann, liegt auf der Hand. Der White Savior Complex ist in sich komplett rassistisch, da er eine Überlegenheit der weißen Person zu Grunde legt. Besonders zu Zeiten des Imperialismus bzw. des Kolonialismus wurde dieser Komplex häufig angewandt, in dem die brutalen Eroberer als Retter dargestellt wurden. All die grausamen Enteignungen und Genozide der Bevölkerung wurden übersehen, denn der „tolle“ weiße Mann hat ja das Volk aus seinem furchtbaren Leben gerettet (Ironie!).

Wenn man nun den White Savior Complex mit dem Voluntourism bzw. der Freiwilligenarbeit von unausgebildeten Abiturienten vergleicht, zeigt sich, dass sich die beiden nicht zu sehr unterscheiden. Das Phänomen des Voluntourism unterscheidet sich jedoch darin, dass sich der oder die Freiwillige nicht bewusst ist, dass es ein Problem darstellt ohne Ausbildung in ein „Dritte-Welt-Land“ zu reisen, um dort ein paar Monate zu „helfen“. Das Problem bei dieser Form von Freiwilligenarbeit ist, dass die Freiwilligen häufig gerade aus der Schule kommen und beispielsweise nicht genau wissen können, wie sie Kinder unterrichten oder mal so eben ein neues Dorf erbauen. Die Agenturen, welche solche Reisen anbieten, verdienen sehr viel Geld und den Leuten, denen man eigentlich helfen wollte, bleibt wenig. Meiner Meinung nach ist es ein schweres Thema, da die Freiwilligen ja eigentlich nur das Richtige tun möchten, jedoch ist es sehr häufig nicht der richtige Ansatz. Viel wichtiger ist es doch eigentlich vor seiner eigenen Haustür zu helfen. In lokalen Projekten, die wirklich etwas bewirken können.

(Beitrag von R.H.)

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Das Phänomen des „Voluntourismus“ setzt sich aus den Wörtern „Volunteering“ und „Tourismus“ zusammen. Es bezeichnet eine Form des Tourismus, bei der es um ein freiwilliges Engagement im Rahmen einer Reise geht.

Freiwilligenarbeit im Ausland wird immer häufiger nachgefragt und dementsprechend professionell angeboten. Es gibt einen regelrechten Boom und es wird zum Trend, dass junge Erwachsene von ca. 18-25 nach der Schule ehrenamtlich im Ausland tätig werden. Ein erstes Problem ist schon im Namen verborgen und beschreibt einen wachsenden Tourismus für Reisen der Volunteers. Darauf reagieren die ReiseveranstalterInnen und stopfen diese Lücke mit den passenden Angeboten.

Oft wird kritisiert, dass die Arbeit der Ehrenamtlichen den Einheimischen Arbeitsplätze wegnehmen. Die Ehrenamtlichen üben Projekte ohne Vergütung aus, und das können die Menschen, die dort leben, nicht leisten. In den Projekten werden beispielsweise Brunnen oder Häuser gebaut. Diese Tätigkeiten können auch genauso gut neue Arbeitsplätze schaffen, heißt es in vielen Kritiken. Vor Ort gibt es oftmals auch kompetente Arbeitskräfte, die die Arbeit der Freiwilligen in kürzerer Zeit und mit weniger Aufwand leisten könnten. Ist dies nicht gegeben, wäre eine nachhaltige Lösung: Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten. Sie könnten kurzfristig unterstützen und dadurch neue Arbeitsplätze schaffen, indem sie ein Projekt mit den Einheimischen erarbeiten. Es ist ein Teufelskreis, da die Entwicklungsländer nicht aus der Situation von Armut und mangelnder Bildung herausholt werden, wenn die Arbeit für sie gemacht wird und sie durch die Vorarbeit der Volunteers nichts lernen.

Ich persönlich habe manchmal den Eindruck, dass man fast als ein ‚schlechterer Mensch‘ abgestempelt wird, wenn man noch nie ehrenamtlich im Ausland tätig war. Der eigentliche Sinn und Zweck wird entfremdet, um das Gewissen der Volunteers zu polieren. Eine traurige aber eine Wahrheit, die teilweise Wirklichkeit wird. Dabei muss man aber klar differenzieren, welches Projekt man unterstützt. Ich möchte nicht per se die Arbeit der Ehrenamtlichen schlechtmachen. Man sollte nur schauen, wo man hilft und mit welchem Hintergrund. Oftmals werden Aufgaben wie Kinderbetreuung oder Lehren von einheimischen Kindern übernommen. Pädagogische Vorkenntnisse benötigt man dabei nicht. In Deutschland wäre so etwas nicht möglich. Da stellt sich mir die Frage, ob dieser Umstand in einem anderen Land akzeptabel ist.

Wenn man aus dieser kritischen Perspektive auf das Thema „Voluntourism“ schaut, wirft sich die Frage auf, wem jetzt nun die Arbeit etwas bringen soll: den Einheimischen und ihrem Land oder den Volunteers selber? Das spiegelt das Problem des ‚white savior complex(es)‘ wider. Durch die Geschichte haben weiße Menschen ein schlechtes Gewissen gegenüber unterprivilegierten Gruppen und das Bedürfnis, etwas wieder gut zu machen. Das Paradoxe dabei ist, dass man es immer wieder schafft, sich selbst in den Vordergrund zu drängen und die eigene Barmherzigkeit deutlich zu machen.

Trotz der vielen Nachteile, die der Tourismus mit der Freiwilligenarbeit mit sich bringt, ist es positiv zu bewerten, dass die Volunteers etwas Sinnvolles leisten. Man sollte sich nur dabei genau überlegen, was man bezweckt und welches Projekt man wählt. Nebenbei erhalten TeilnehmerInnen authentische Eindrücke vom Gastland. Sie leben statt in Hotels, oftmals mit Gastfamilien und deren Kultur.

(Beitrag von K.S.)

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Voluntourismus ist problematisch, weil es oft wenig effizient bzw. nicht nachhaltig ist, Selbstdarstellung und Selbstfindung meist vor die Interesse des sozialen Engagement stellt und ein ungleiches Gefälle zwischen globalem Süden und globalem Norden impliziert und stärkt. In dieser From von Freiwilligendiensten gehen junge Leute meist für relativ kurze Zeit in ein sozialen Projekt, meist in Ländern des globalen Südens, um sich dort zu engagieren. Da diese Menschen meist unqualifiziert sind, aber trotzdem zum Teil als Lehrer_innen arbeiten oder Häuser bauen, ist die Effizienz fragwürdig. Dazu kommt, dass durch die kurze Aufenthaltsdauer der Freiwilligen, es schwierig ist, das Projekt zu verstetigen. Oft geht es bei diesen Aufenthalten mehr darum, dass sich die Freiwilligen weiterentwicklen durch eine besondere Auslandserfahrung. In vielen Fällen entwickeln sich die Freiwilligen vermutlich mehr weiter als das Projekt, in dem sie tätig sind. Der sogenannte „White Savior Complex“ beschreibt das Phänomen von der praktizierten Überlegenheit des globalen Nordens gegenüber dem globalen Südens. Bei Voluntourismus wird davon ausgegangen, dass unqualifizierte „weiße“ Menschen, dazu fähig sind in einem Land des globalen Südens zu unterrichten, zu helfen, zu arbeiten. Den Menschen vor Ort wird damit eine Unterlegenheit zugeschrieben und jegliche Fähigkeiten aberkannt. Es wird impliziert, dass „weiße“ Menschen das Recht und die Qualifikation haben, anderen Menschen „ihre“ Lebensweise aufzudrücken. Dadurch wird die „weiße“ Lebensweise automatisch als die bessere bzw. weiterentwickeltere eingestuft. Wenn man diesen Freiwilligendienstes jedoch den Anspruch von nachhaltigem sozialen Engagement und positiven Veränderungen abspricht, sondern es mehr als ein Austauschprojekt ansieht, ist es mit Sichherheit eine gute Möglichkeit, Kulturen zusammenzubringen und mehr über eine andere Kultur als die eigene zu erfahren. Erst durch diese Erfahrung, ist es möglich über die eigene Kultur kritisch zu reflektieren.

(Beitrag von J.C.)

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Tsepo Bollwinkel erklärt in seinem Vortrag das Phänomen des Voluntourism. Immer mehr Menschen entscheiden sich, anstatt eine klassische Reise zu beginnen, sich als „Volunteer“ für ein paar Wochen bis wenige Monate zu „engagieren“. Der Trend hat viele Tourismusanbieter hervorgebracht, die sich darauf spezialisieren, die oft weißen jungen Menschen aus dem Globalen Norden in Projekte im Globalen Süden zu vermitteln. Langfristigere Programme wie unter anderem das weltwärts-Programm, welches Deutsche zwischen 18 und 28 Jahren für 6-24 Monate in Projekte entsendet, werden weniger nachgefragt.

Doch wer profitiert wirklich vom „Voluntourism“?

Voluntourism fördert in geringem Grade positiv das Interesse an kulturellem Austausch und sozialen Engagement. Durch den Aufschwung des Voluntourism lässt sich ein Interessenanstieg an sozialem Engagement junger Menschen aus dem Globalen Norden verzeichnen. In geringem Maße wird ebenfalls der kulturelle Austausch gefördert, wenn die „Freiwilligen“ in Projekten mit der lokalen Bevölkerung kommunizieren. Hier sollte jedoch reflektiert werden, ob wirklich ein gleichwertiger Austausch stattfindet oder ob womöglich bereits vorherrschende rassistische Stigmatisierung gegenüber der Bevölkerung im Globalen Süden nur intensiviert werden. Insgesamt deutet die Auflistung der wenigen Vorteile des Freiwilligentourismus bereits darauf hin, dass die Nachteile überwiegen. Im folgenden möchte ich diese näher erläutern. Den Teil glieder ich in eine Analyse der Rolle der „Freiwilligen“, die Folgen für die Projekte und strukturelle Konsequenzen, die aus dem Boom der neuen Tourismusart resultieren.

Die „Volunteers“ sind überwiegend junge Menschen ohne abgeschlossene berufliche Ausbildung. Oft findet ihr Engagement in sozialen Einrichtungen wie Schulen oder Kinderheimen statt. Erstere überwiegen jedoch eindeutig. Besonders in dem Umgang mit Kindern und Jugendlichen ist eine pädagogische Schulung von besonderer Bedeutung. Nicht selten sind diese in schwierigen Umständen aufgewachsen, was die Relevanz von geschulten Personal, das ihnen Aufmerksamkeit spendet, weiter hervorhebt. Die „Volunteers“ stellen somit in zweifacher Hinsicht ein Risiko dar. Erstens sind sie im Normalfall schlichtweg nicht beruflich ausgebildet und ausreichend vorbereitet, um in dem Bereich sinnvoll zu arbeiten. Eine grundlegende Einarbeitung und Basisschulung ist aufgrund der kurzen Zeitspanne nicht möglich. Dies zeigt bereits der zweite Aspekt. Für die lokalen Mitarbeiter*innen ist es unmöglich, sich auf die neuen „Volunteers“ im Rahmen der gegebenen Zeitperiode einzustellen. Besonders für die Kinder und Jugendliche stellt der kurze Aufenthalt emotional eine Gefahr dar, da sie andauernd eine neue Abschiedserfahrung machen.

Eine negative Konsequenz für die Projektstellen verkörpert zum Beispiel der Abbau und/oder die Nicht-Etablierung von Arbeitsplätzen lokaler Einwohner*innen. Des weiteren werden gerade in Einsatzstellen, in denen regelmäßig „Volunteers“ eingesetzt werden neue Abhängigkeiten etabliert. Studien dokumentieren Entführungen von Kindern und Jugendlichen im Bereich des „Orphan Volunteerism“, um neue Waisenhäuser zu etablieren, die als „Einsatzstellen“ dienen. Folglich werden teilweise künstlich Projekte extra für die neue Tourismussparte konstruiert.

Auf globaler struktureller Ebene wird das Ungleichgewicht der Möglichkeit für Personen aus dem Globalen Süden selbst in anderen Ländern als „Volunteer“ aktiv zu werden relativ betrachtet immer weniger. Im Gegensatz zu anderen Projekten, die zumindest Pilot Projekte wie das Süd-Nord-Programm etablieren – welches sicherlich enorm ausbaufähig ist – fördert der Freiwilligentourismus nur einen einseitigen Nord-Süd-Austausch.

Soziale Medien und die Berichte ehemaliger „Freiwilliger“ fördern den Zuwachs des Voluntourism Phänomens.

Imagekonstruktionen des „White Saviors“, der im Globalen Süden „hilft“, werden mit dem neuen Tourismus aufrechterhalten. Dieses Konzept beruht auf asymmetrischen kolonialen Machtverhältnissen, die eine soziale, religiöse, ökonomische, politische und kulturelle Überlegenheit des sog. „Westens“ proklamieren. Dieser wird hierbei idealisiert ohne Normen und Ideale (selbst)kritisch zu hinterfragen. Des weiteren wird den Gastländern und lokalen Bevölkerung die Fähigkeit abgeschrieben, sich selbst eine Meinung zu dem Phänomen Voluntourism sowie den „westlichen“ Idealen und Normen zu formieren. Ungefragt werden ihnen die Ideale indirekt oder direkt auferlegt.

Als weiteres Argument gegen den Freiwilligentourismus lässt sich das Problem der qualitativ schlechten oft rassistischen Berichterstattung aufführen. Die „Freiwilligen“ berichten Freunden und Bekannten von ihren Erlebnissen und konstruieren für die Adressaten eine vermeintliche „Wahrheit“. Dass diese auf subjektiven Beobachtungen basieren, wird dabei häufig außer Acht gelassen. Infolgedessen sind die Berichte der „Freiwilligen“ häufig geprägt von Exotisierungen, Romantisierung von Armut, Verallgemeinerungen, falschen als Fakten dargestellte Information und Fotos, die oft die einseitige Berichterstattung unterstreichen.

Alles in allem möchte ich mit diesem Text verdeutlichen, dass vom Voluntourism vor allem die vermeintlichen „Volunteers“ sowie die Tourismusanbieter profitieren. Gastländer, Einsatzstellen und Bevölkerung des Globalen Süden werden durch das Phänomen stark benachteiligt.

Wie könnte man diesen Umstand positiv für ALLE verbessern?

Zunächst ist es von besondere Wichtigkeit, dass sich Interessierte an globalen Engagement als „Volunteer“ kritisch mit Themen wie „Critical Whiteness“, „Rassissmus“, Berichterstattung“, „Engagement“ und landesspezifischen Gegebenheiten vor dem Aufenthalt beschäftigen. Des weiteren sollten sie ihre Rolle und Motivation als Freiwillige*r kritisch reflektieren. Freiwilligendienste, die weniger als 6 Monate dauern, ermöglichen keine Einarbeitung. Infolgedessen sollte, wer sich wirklich engagieren möchte, über einen Einsatz von einem Jahr und mehr nachdenken. Des weiteren ist es sinnvoll, einen möglichen „Volunteer“ Einsatz nach abgeschlossener Berufsausbildung und ersten Arbeitserfahrungen zu planen. Wem dies aus persönlichen Gründen nicht möglich ist, der könnte eine „klassische“ jedoch nachhaltig ausgerichtete Reise in Betracht ziehen. Tourismus fördert unter anderen neue Arbeitsplätze und unterstützt die lokale Wirtschaft. Hierbei erachte ich einen Fokus auf Formen des nachhaltigen Tourismus, zum Beispiel indem man darauf achtet, lokale und nicht ausländische Dienstleister zu unterstützen, als besonders geeignet.

(Beitrag von J.T.)

 

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