Nur um zu leben

Da bin ich also in einem völlig fremden Land. Ein Land, das ich fast nicht kenne. Ich habe vielleicht mal darüber gelesen, ein Bild gesehen – mehr nicht. Ich habe einen langen Weg hinter mir – es sind über 4000 Kilometer, die ich in einem wackeligen Schlauchboot, mit dem Bus, aber am meisten zu Fuß zurückgelegt habe. In Bulgarien hat man mich sogar eingesperrt, weil mein Pass unterwegs verloren ging. Nie in meinem Leben habe ich etwas Falsches getan. Vielleicht mal Alkohol mit 16 getrunken, aber nichts wofür ich eine Zelle verdient hätte. Ich, die Leute auf der Flucht mit mir, wir hätten vieles nicht verdient. Die Kälte, die wunden Füße, den Hunger im Magen, die herabwürdigenden Blicke, die Todesangst, die Verluste – aber wir mussten es ertragen. Denn da wo wir herkommen, hätten wir es auch nicht ertragen.

Deutschland ist nicht mehr sicher, seit die terroristische Vereinigung Christliche Armee (kurz CA) im Land für Unruhen sorgt. Erst beschmierten sie nur unser Haus, warfen Steine durch die Scheibe. Meine Mutter ist Evangelistin, mein Vater Katholik, mein Bruder und ich Atheisten – wir könnten keine schlimmere Familie in ihren Augen sein. Unsere russisch-orthodoxen Nachbarn waren schon längst geflohen mit ihren gehbehinderten Eltern und zwei kleinen Kindern. Wo sie jetzt sind? Ich werde es wohl nie erfahren. Unsere anderen Nachbarn haben schon längst aufgegeben. Sie wären zu alt für eine Flucht, haben sie gesagt, als nur fünf Kilometer entfernt die ersten Kämpfe zwischen der CA und der Bundeswehr ausbrachen. Bei so viel Hoffnungslosigkeit hat auch mich die Hoffnung fast verlassen. Wir sind nachts aufgebrochen. Ganz spontan, als die CA Stunden zuvor nach meinem Bruder gesucht hatte. Entweder um ihn als Soldat einzuziehen oder hinzurichten – beides wäre sein Todesurteil gewesen. Unsere Eltern haben wir irgendwo an der Küste von Griechenland verloren. Ich weiß nur noch, dass ich mich die gesamte Fahrt an meinen Bruder geklammert habe. Er ist drei Jahre jünger, ich hätte ihn gerne beschützt, aber ich konnte nur noch weinen.

Jetzt sind wir in Afghanistan, in einer riesigen Sporthalle. Es fällt mir schwer hier zu sein. Ich hatte mal ein eigenes Zimmer von 18qm, jetzt teile ich mir mit 300 Leuten ein klappriges Bettenlager. Ich verstehe fast nichts. Obwohl ich mir alle Mühe gebe, will es mir nicht richtig gelingen Arabisch zu lernen. Dieses Rachengeräusch, das sie bei fast jedem Laut machen, und diese komischen Zeichen, die alle gleich aussehen – ich kann es einfach nicht. Ich kann nicht ruhig schlafen, wenn ich nicht weiß, wo meine Eltern sind. Und ich kann nicht in die Zukunft schauen, wenn ich doch eigentlich schon eine hatte.

Es braucht viel, damit ein Mensch sein ganzes Leben aufgibt, nur um zu leben.

 

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