Geschlechtsspezifische Argumentationslinien rechtsorientierter Frauen gegen Geflüchtete (Abschluss, September 2017)

Einordnung unseres Forschungsprojekts

Wir forschten über mehrere Monate zum Thema „Identitätsanbieter für Frauen in der rechten Szene“. Dafür setzten wir uns intensiv mit vorhandener Literatur auseinander und gingen ins Feld, um zwei Interviews zur Frage „inwiefern fungieren rechte Szenen als Identitätsanbieter für Frauen?“ mit ExpertInnen durchzuführen.

Innerhalb des Seminars „Refugees Welcome- aber wie?“ setzten wir einen besonderen Fokus auf die Sonderauswertung bezüglich der Frage „Welche geschlechtsspezifische Argumentationslinien rechtsextremer Frauen gegen Geflüchtete ergeben sich?“. Hierbei gilt das Material aus der Basisforschung als Faktor, um die Relevanz des Zusammenhangs der geschlechtsspezifischen Perspektive auf Rechtsextremismus und der Geflüchtetenthematik zu eröffnen und zu kontextualisieren.

Forschungsergebnisse

Im Folgenden möchten wir diese Ergebnisse in einem Dreischritt präsentieren. Wir haben uns für eine Grafik entschieden, die (1) einerseits die identitätsanbietenden Momente rechter Szenen für Frauen zeigt und im zweiten Abschnitt (2) den Zusammenhang zur Geflüchtetenthematik herstellt. Im Anschluss (3) führen wir Zitate aus unserer qualitativen Erhebung an, die für sich stehen sollen und als Ansatz bzw. Vorüberlegungen weiterer Forschungsarbeit gedacht werden können.

Erläuterungen zur Graphik:

Ungleichheitsvorstellungen als Aufwertung der eigenen (sozialen) Position

Unter Ungleichheitsvorstellungen fällt die Annahme, dass Menschen unterschiedlicher Herkünfte*, soziale Status und Kategorien (vor allem auch dichotome Geschlechtervorstellung) unterschiedliche Wertigkeiten und Fähigkeiten haben.

Sie rassifizieren Gesellschaft, indem sie sozialen Gruppen bestimmte wesenhafte und identitäre Merkmale zuschreiben und sich in diesem Zuge als besser und wertiger hierarchisieren.

Geschlechtsspezifische identitätsanbietende Momente für Frauen

Weiblich gelesen zu werden, ist gesamtgesellschaftlich mit weniger Privilegien verknüpft als männlich gelesen zu werden. Somit kann die Abwertung „der Anderen“ (der MigrantInnen) als Strategie der eigenen Aufwertung verstanden werden.

Explizites Frausein als Mutter/ Hausfrau wird durch Ungleichheitsvorstellung von Geschlechtlichkeit innerhalb der rechten Szene und die damit einhergehende Rollenverteilung aufgewertet.

Die rechte Szene bietet also Raum, diese Vorstellung von Ungleichheit und Ungleichwertigkeit auszuleben und artikulieren zu können.

Erschaffung von Feindbildern als Etablierung des „Wir“ und des „Ihr“

Das Schlechte wird ‚den Fremden‘ zugeschrieben, um die vermeintliche eigene ‚deutsche Reinheit‘ zu erhalten bzw. beizubehalten. ‚Die Fremden‘ werden als Bedrohung der eigenen Identität wahrgenommen und gleichzeitig als Legitimation der rechten Szene durch Artikulation von Angst vor ‚den Fremden‘ genutzt. Die Rassistische Ideologie erhält dementsprechend scheinbare Legitimation durch zugeschriebene negativ-Merkmale der Anderen

Geschlechtsspezifische identitätsanbietende Momente für Frauen

Weibliche Sozialisation ist häufiger durchzogen von Erfahrungen sexualisierter Gewalt als die männliche. Dieses Thema kann durch die Feindbildkonstruktion der ‚übergriffigen Fremden‘ verarbeitet werden, um die ‚deutsche‘, rechte Identität zu schützen.

Diverse Rollenangebote innerhalb der rechten Szene

Die rechte Szene bietet diverse Rollenangebote von kämpferisch bis traditionell, die jedoch klar und konkret strukturiert und mit bestimmten Merkmalen versehen sind. Dies ermöglicht Ordnung und Orientierung. Die vorgegebene Struktur von Rollenangeboten schafft Raum für eigene Identitätsfindung.

Geschlechtsspezifische identitätsanbietende Momente für Frauen

Innerhalb der rechten Szene sind Rollenangebote an sich schon geschlechtsspezifisch definiert, da sich innerhalb der binären Geschlechtervorstellung unterschiedliche Rollenzuschreibungen- und Erwartungen für Männer und Frauen zeigen.

Abgrenzung von gegebenen Verhältnissen als Identifizierung

Sich im Kollektiv gegen politische und gesellschaftliche Verhältnisse auszusprechen, bringt eine Abspaltung der Norm mit sich. Hier bietet die rechte Szene eigene Antwort- und Deutungsmuster. * In dem Dagegensein findet sich durch die Positionierung und Zugehörigkeit 1) eine kollektive Identität und 2) ein Identitätsmoment des Individuums:  „Wir sind dagegen“ „Wir sind rechts“ „Ich bin ein Teil der rechten Szene“ “Wir sind die TrägerInnen der richtigen Ideologie“ „Ihr seid die TrägerInnen der Misstände“.

Geschlechtsspezifische identitätsanbietende Momente für Frauen:

Gegebene Verhältnisse bringen Verunsicherungsmomente im traditionellen Verständnis des Frau-Seins mit sich, zum Beispiel die Infragestellung von binärer Geschlechterkonstruktionen oder die vielschichte Erwartung von Haus- über Karrierefrau.  Dies führt zu gesamtgesellschaftlichen Durchlässigkeiten und uneindeutigen Rollenangeboten. In der Abgrenzung findet ein Rückbezug zur Eindeutigkeit und klaren Orientierung statt.

Rechte Szenen als Reduktion und Vereinfachung von komplexen Inhalten (Komplexitätsreduktion)

Dieses identitätsanbietende Moment ist geschlechtsunspezifisch und wirkt gleichermaßen auf Frauen und Männer übertragen.

Die rechte Szene arbeitet mit einfachen Erklärungsmustern für komplexe Verhältnisse, um einer Verunsicherungskrise entgegen zu wirken. Vielschichtige Inhalte werden in klare Muster und Schemata kategorisiert und erlauben somit eine einfache, geordnete und eindeutige Weltanschauung.

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