St. Pauli Gemeinde/ Lampedusa in Hamburg

 

„Wir haben immer den Menschen im Mittelpunkt gesehen – und seine Schutzbedürftigkeit“

An einem kalten Freitagnachmittag werden wir von Pastor Wilm auf dem Gelände der St. Pauli Kirche empfangen. Der Pastor und seine Gemeinde gelangten 2013 zu Bekanntheit, da in ihrer Kirche über Monate hinweg die „Lampedusa-Flüchtlinge“ zu Gast waren. Über die damaligen Ereignisse und aktuelle Entwicklungen sind wir mit Pastor Wilm ins Gespräch gekommen.

„Wir [die St. Paulianer] haben unseren eigenen Kopf“

Wir beginnen unseren Besuch in der Kirche, wo uns Pastor Wilm den Geist der St. Paulianer näherbringen und die räumliche Situation veranschaulichen will. St. Pauli sei, so Pastor Wilm, zwischen Hamburg und Altona vor den Stadtmauern gelegen, immer arm, aber eben darum politisch gewesen. „Die gewisse Geisteshaltung ist keine Mode, sondern hat ihre Wurzeln.“ Heute herrsche ein kollektives Bewusstsein vor: „Wir haben unseren eigenen Kopf: Widerstandsgeist“. Diese Haltung machte möglich, was 2013 passierte. Am 2. Juni zogen 80-120 Geflüchtete in die Kirche ein. Anfangs zählte niemand, wie viele es genau waren, doch nach einer Weile beschränkte man die Zahl auf 80 Personen. Auch für diese Zahl war und ist die Kirche beileibe kein geeigneter Platz zum Schlafen und Wohnen, die Situation habe „alle deutschen Rechtsnormen gebrochen“: 2 Toiletten, keine Duschen, Beisammensein auf engstem Raum. Bei den Gästen handelte es sich um Lampedusa-Flüchtlinge, die sich angesichts ihrer ähnlichen Fluchtgeschichten zu einer Gruppe zusammengeschlossen hatten. Als westafrikanische Gastarbeiter in Libyen waren sie dort nach dem Sturz Muammar al-Gadaffis als vermeintliche Söldner desselben verfolgt worden. Sie flüchteten über das Mittelmeer auf die italienische Insel Lampedusa und bekamen in Folge dessen durch Italien einen Flüchtlingsstatus zuerkannt. Auf Grund der prekären Lage, die in Italien für Geflüchtete vorherrschte und herrscht, verließen sie das Land und gelangten nach Hamburg. Nachdem sie dort im Frühjahr 2013 aus dem städtischen Winternotprogramm ausziehen mussten, lebten einige von ihnen auf der Straße. Durch mehrere öffentliche Aktionen machten die Lampedusa-Flüchtlinge auf sich aufmerksam und forderten das Bleiberecht.

„Ort der Begegnung“

Zu Beginn wussten Pastor Wilm und die Unterstützer/innen kaum, wer ihre Gäste waren und woher sie kamen. Doch mit der Zeit lernten sich die Gemeinde und die Gäste näher kennen und wurde eine Infrastruktur geschaffen, um den Aufenthalt der Lampedusa-Flüchtlinge zu ermöglichen. Es wurde eine Küche eingerichtet, das Waschen der Wäsche in Waschmaschinen der Nachbarhäuser organisiert, „Ministerien“ für bestimmte Angelegenheiten aufgestellt (bspw. für die Verwaltung von gespendeten Fahrrädern) und die „Embassy of Hope“ ins Leben gerufen. In einem Zelt im Kirchgarten empfingen Lampedusa-Flüchtlinge Nachbar*innen und andere Interessierte, um sich mit ihnen auszutauschen. Hier wurden Rollen getauscht, Geflüchtete wurden zu Gastgebern und es fand ein Dialog statt – „Ich würde sagen, das Konzept ist aufgegangen“, meint Pastor Wilm. Es ging eine breite Solidarisierung vonstatten, die ganz verschiedene Früchte trug. Unter anderem wurde mit der Unterstützung des FC St. Pauli der FC Lampedusa ins Leben gerufen, der den Geflüchteten Spaß brachte und ihr Selbstbewusstsein förderte.

„Humanitäre Pflicht“, trotz Widerständen

Die Gemeinde und ihre Gäste hatten jedoch auch mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen: Der Senat „ignorierte anfangs komplett die Situation“, bis Pastor Wilm mehrmals zu Innensenator Neumann zitiert und für sein Vorgehen kritisiert wurde, ohne dass sich je ein Mitglied des Senats vor Ort blicken ließ. Im Viertel wurden die Lampedusa-Flüchtlinge und andere durch Polizeikontrollen schikaniert. Gegner der Beherbergung artikulierten mehr oder minder konstruktiv ihre Kritik. Nach der Bundestagswahl 2013 kam es zu einer Eskalation der Situation und 200 Polizeibeamte hielten sich rund um die Kirche auf. Besonders die Tatsache, dass von Seiten der Politik vermittelt wurde „dass das, was wir hier machen, illegal sei“, scheint Pastor Wilm noch immer zu entrüsten. Er ist der Überzeugung, dass es sich bei dem Vorgehen seiner Gemeinde um eine humanitäre Pflicht gehandelt hat.

„Wir haben Glück gehabt damals“

Schlussendlich wurde ein Kompromiss zwischen dem Hamburger Senat und den Lampedus-Flüchtlingen geschlossen. Es wurden Einzelfallprüfungen durchgeführt, statt – wie von den Geflüchteten gefordert – ein kollektives Bleiberecht zu gewähren. Doch diese Prüfungen fanden unter 5 Bedingungen statt: Der Königssteiner Schlüssel wurde nicht angewandt (d.h. alle konnten in Hamburg bleiben), es wurde eine Duldung bis zur letzten Instanz angestrebt, es wurde eine reelle Chance auf dauerhaftes Bleiberecht durch Integration garantiert, die Kirche sollte für Integrationsmöglichkeiten als Coach fungieren und es wurde versichert, dass der italienische Flüchtlingsstatus in jedem Fall erhalten bleibt. Die Einzelfallprüfungen führten zu keiner einzigen Abschiebung und 120 der Geflüchteten, die sich auf die Prüfung einließen, wohnen und arbeiten heute in Hamburg. Andere wiederum, die das Verfahren nicht durchlaufen haben, wohnen noch immer in Kellern oder solidarischen Wohnprojekten. Insgesamt wertet Pastor Wilm den Ausgang positiv: Heute wäre ein solches Abkommen nicht mehr denkbar und Geflüchtete sehen sich mit viel schwierigeren Bedingungen konfrontiert. Dies hänge damit zusammen, dass die Politik sich in Sachen „Flüchtlinge“ immer weiter nach rechts bewege.

Es bleibt das Resümee: „Eine Gesellschaft kann sich solidarisch zeigen und etwas bewegen.“ – „Geflüchtete können Akteure werden“.

 

 

 

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