Der Hund auf dem Dach

Vor wenigen Wochen bin ich im Feierabendverkehr mit der Bahn nach Kiel gefahren. Als ich am Dammtorbahnhof einstieg, suchte ich hastig nach einem Sitzplatz und ärgerte mich über zwei ältere Damen, die einen Vierer mit ihren ganzen Sachen blockierten. Hinter ihnen fand ich zum Glück noch einen freien Platz. Zu meiner Rechten saß eine vierköpfige Familie, vielleicht aus Syrien oder Afghanistan oder der Türkei – ich weiß es nicht. Müde von der Uni und Arbeit blätterte ich in meiner Closer. Ich konnte aber nicht abschalten. Stattdessen hörte ich bei der Unterhaltung der älteren Damen vor mir zu, das lag vor allem daran, dass die eine mit ihrer lauten Stimme das ganze Abteil unterhielt. Man musste also zwangsläufig hinhören.

„Ich weiß auch nicht warum DIE alle hierherkommen. Die lernen noch nicht einmal unsere Sprache. Also meine Schwester ist nach Kanada ausgewandert, aber die kann Englisch sprechen und hat die Sprache schon gelernt, bevor sie dort hingegangen ist. Aber die wollen ja auch nicht. Die bleiben nur unter sich. Und weißt du, was mir letztens im Bus passiert ist? Da kam ein Türke zu mir und meinte, ich solle meinen Hund doch aufs Dach binden. Was denkt der sich. Türken haben Angst vor Hunden, ist dir das schon mal aufgefallen?“

In diesem Augenblick lehnte ich mich nach vorne und sagte zu der Frau, sie solle bitte leiser reden, damit ich ihren Scheiß nicht mehr mit anhören müsse. Als in Elmshorn viele ausstiegen, ging ein Mann an mir vorbei und sagte: „Gut gemacht.“ Aber warum hat er nichts direkt zu den Frauen gesagt? Im Nachhinein betrachtet, hätte ich noch ganz andere Sachen sagen sollen: Dass sie jeden Tag ein Stoßgebet gen Himmel schicken kann, weil sie mit einem goldenen Löffel im Munde hier in Deutschland geboren wurde. Dass sie gar nicht weiß, was für Schicksale die Flüchtlinge haben. Die Gründe für die Flucht und vieles mehr. Dabei fällt mir auf, dass ich auch noch gar nicht so viel über die ganze Flüchtlingspolitik weiß.

Bei dem fiktiven Gedanken an den Hund auf dem Dach muss ich bis heute schmunzeln.

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