Demonstration „Unabhängigkeit für Eritrea, nieder mit Asis Afoworki“ am 21. Mai 2017

Im Rahmen der Demonstration „Unabhängigkeit für Eritrea, nieder mit Asis Afoworki“, organisiert von einer Gruppe von eritreischen Geflüchteten in Hamburg und Helfer/innen der Initiative Welcome to Barmbek am 21.05.2017, entstand nachfolgender Redebeitrag, welcher um 15:30 Uhr am Rathaus Hamburg kundgegeben wurde. An der Demonstration waren ca. 150 Teilnehmer/innen beteiligt, die friedlich und ohne Vorkommnisse ihre Rechte auf Selbstbestimmung und Freiheit einforderten und den eritreischen Diktator Asis Afoworki zum Rücktritt aufforderten. Die Stimmung war die ganze Demonstration über sehr freudig und mitreißend. Über 100 eritreische Geflüchtete schrien über 2 Stunden ihre Parolen in die Straße: „We need Freedom“ sowie „Down, Down Dictator“, ohne müde zu werden.

Das Ende der Demonstration umfasste ein ausschweifendes Tanzgetümmel am Hauptbahnhof auf die Lieder von Unabhängigkeitskämpfern Eritreas. Die Freude und Energie, die die Geflüchteten ausstrahlten, steckte die Menschen an und ließ sie zum Rhythmus tanzen.

Eine Teilnehmerin erzählte mir nach Beendigung der Demonstration, dass ihr bei dem Anblick des ausgelassenen Tanzes der Geflüchteten fast die Tränen kamen, da sie spürte, wie sehr sich diese nach diesen Tag gesehnt hatten, an dem sie endlich frei sein konnten ihre politische Meinung zum Ausdruck zu bringen, zu tanzen, einfach sie selbst zu sein!

Kundgebung am Rathausmarkt Hamburg, 21.05.2017
Rede von Marvin Jammermann, Projektleiter bei Welcome to Barmbek

In Eritrea leben laut verschiedenen Angaben zwischen 4-6 Millionen Menschen. Laut UN Angaben waren 2009 209.000 eritreische Staatsbürger weltweit als Flüchtlinge registriert, 2011 waren es bereits 252.000, 2014 363.000 und 2015 stieg dieser Wert auf 411.000 eritreische Geflüchtete weltweit an, also fast 10% der eritreischen Bevölkerung.

Diese Zahlen sprechen für sich, aber warum flüchten so viele Menschen aus Eritrea?

Eritrea ist ein Terrorregime und die eritreische Bevölkerung wird von ihrem Diktator Asis Afoworki unterdrückt! Diese Terrorherrschaft findet ihren gnadenlosen Ausdruck im National-Service.

Der so genannte National-Service wurde kurz nach der Unabhängigkeit Eritreas 1993 eingeführt und sollte ursprünglich die Unabhängigkeit von Äthiopien manifestieren und das Land wieder aufbauen und beschützen.

Der von Ländern wie der Schweiz vermeintlich als Zivildienst erklärte Staatsdienst sollte laut eritreischen Angaben nur 18 Monate dauern. Tatsächlich beträgt er fast eine halbe Lebenszeit und kann 10 bis über 20 Jahre dauern, zumal die meiste Zeit im Militär absolviert wird.

Der National-Service ist somit ein Ausdruck modernen Sklaverei, jeder der etwas anderes behauptet verleugnet die Realität.

Dies beraubt eine ganze Generation von jungen Menschen ihrer Zukunft. Und nicht nur das, der Service treibt eine ganze Bevölkerung in die bittere Armut, da sie während dieses Dienstes nicht arbeiten dürfen, kaum Geld erhalten und somit nicht genug zum Leben haben für sich und ihre Familien!

Diese Menschen aus Eritrea, die ihr heute hier versammelt seht, hatten keine Wahl! Sie mussten fliehen! Sie konnten nicht entscheiden wie wir, was sie an so einem schönen Sonntag tun wollen. Wo sie morgen aufwachen und ob sie dann noch leben. Sie hatten keine Freiheit und nur eine Wahl: Entweder in Eritrea ein Leben ohne Perspektive mit Gewalt und Folter ertragen oder ihr Leben riskieren, um Freiheit und Sicherheit zu suchen.

In Europa und Deutschland angekommen, haben sie nun physische Sicherheit erhalten, frei sind sie aber noch lange nicht!

Mit der Dublin III Regelung, die die Geflüchteten dazu zwingt ihren Asylantrag in dem Land zu stellen, in dem sie zum ersten Mal europäischen Boden berührt haben, lassen wir die Menschen nicht ankommen und schicken sie wie Waren durch ganz Europa, immer mit der Angst nachts aus dem Bett gerissen und abgeschoben zu werden.

Dass diese Menschen nach ihrer Flucht psychisch gebrochen und unfähig, ihr eigenes Leben in die Hand zu nehmen zurückbleiben, verwundert nicht. Sie müssen mit der ständigen Angst leben in ein komplett überfordertes Land wie Italien zurück zu müssen, wo ihnen Obdachlosigkeit und Unterversorgung droht.

Und wir alle schauen bei dieser Praxis europäischen Rechts untätig zu und versuchen dann, uns um die Menschen zu kümmern, die das System gebrochen hat.

Das können wir als demokratische Gesellschaft, die sich durch ihre Gleichheit und Freiheit definiert nicht akzeptieren, denn wer demokratisch sein will, muss die Gleichheit und Freiheit der anderen Menschen akzeptieren, sonst verkommt die Demokratie als solche zu einer leeren Hülle.

Europa hat seine Werte vergessen! Menschenrechte werden im Asylverfahren mit Füßen getreten, und wenn einzelne Geflüchtete auf den Straßen der Niederlande ohne ein Recht auf Versorgung und Unterkunft schauen müssen, wo sie bleiben, kann von Menschenrechten als solchen nicht die Rede sein.

Art. 13 der Allgemeinen Menschenrechtserklärung besagt, dass jeder Mensch das Recht auf Freizügigkeit und Auswanderungsfreiheit hat. Ohne ein zugehöriges Recht auf Einwanderung bleibt Art. 13 wirkungslos. Wie soll ein Mensch ein Menschenrecht auf Auswanderung besitzen und nutzen, wenn er nirgendwo einwandern kann?

Demokratie funktioniert nicht, wenn wir uns weigern zu akzeptieren, dass alle Menschen gleich sind und die gleichen Rechte besitzen sollten wie wir.

Wir fahren im Sommer nach Spanien an den Strand und im Winter nach Österreich in den Schnee. Wir nutzen unsere Bewegungsfreiheit, wann immer wir wollen und hüllen uns in den Glauben, dass unsere Kinder durch Chancengleichheit in der Gesellschaft erreichen können, was auch immer sie möchten, wenn sie sich nur genügend anstrengen.

Die gleichen Rechte sprechen wir anderen Menschen kategorisch ab! Für Geflüchtete stellen Grenzen ein lebensgefährliches und unüberwindliches Hindernis dar.

Ihre Chancen im Leben sozial aufzusteigen sind so groß wie ihnen die Wahrscheinlichkeit der „birth-right lottery“ sie mit ihrem Geburtsland zuschreibt.

Wir leben in einem globalen Feudalsystem, in dem wir alle globale Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten produzieren und durch unsere Untätigkeit reproduzieren.

Dabei sind es ehemalige Kolonialmächte, die die größte Verantwortung für das heutige ungerechte Weltsystem tragen! Durch sie ist der Erfolg des neoliberalen Siegesmarsches in der Welt zu erklären, und damit einher gehen die tosenden Gewinner des westlichen Kapitalismus und die bitteren Verlierer im Rest der Welt.

Die EU produziert Armut und Perspektivlosigkeit durch ihr marktorientiertes Verhalten. Der afrikanische Agrarsektor wird durch subventionierte Billig-EU-Produkte, mit denen die lokale Bevölkerung nicht konkurrieren kann, zerstört.

Wir können somit unsere Mitschuld an der vergangenen und der gegenwärtigen globalen Ungerechtigkeit nicht leugnen. Es wird Zeit, dass wir uns unsere Schuld eingestehen und uns ihr stellen, um zu versuchen, diese Welt besser für jeden Menschen zu machen. Wir müssen damit aufhören, die gegebenen Umstände als unumkehrbar abzutun.

Hierfür müssen wir uns als weiße Europäer und alle Privilegien, die damit einhergehen, hinterfragen! Wir können uns nicht ewig an unseren Luxus und Wohlstand klammern, während andere Menschen dieser Welt vor Armut, Hunger, Krieg, Gewalt und Verfolgung fliehen!

Jeder von uns muss lernen zu verzichten, Privilegien abzugeben, auch wenn es manchmal schmerzt. Solange wir dies für eine gerechtere und freie Welt tun, haben wir nichts zu fürchten!

In diesem Sinne fordern wir:

  • Das Ende des eritreischen Terrorregimes unter Asis Afoworki.
  • Ein besseres und faireres Asylverfahren in Deutschland und Europa.
  • Die Abschaffung der Dublin-III Regelung und Einführung fairer Verteilungsquoten, die sich nach den Bedürfnissen der Geflüchteten richten müssen.
  • Eine intensive Debatte über europäische Werte.
  • Ein Menschenrecht auf Einwanderung.
  • Das Eingestehen der europäischen und westlichen Schuld an der globalen Ungerechtigkeit und damit einhergehend die Abgabe von Privilegien für eine gerechtere Welt.

Vielen Dank!

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