Die Anhörung

Vor drei Wochen bekam mein Mentee die Einladung für eine Anhörung vor Gericht im Klageverfahren zu seinem Asylverfahren. Die Vorbereitung auf diese Anhörung stand daraufhin im Mittelpunkt des Mentorings. Anfang des Jahres hatte mein Mentee seine Anhörung im Asylverfahren beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) gehabt. Diese wird umgangssprachlich häufig „(erstes) Interview“ genannt und hat zum Ziel, „die individuellen Fluchtgründe [des/der Asylantragstellers/in] zu erfahren (…) sowie Widersprüche aufzuklären“ (BAMF 2017). Mein Mentee hatte nach seinem „ersten Interview“ eine Ablehnung im Asylverfahren bekommen und sollte abgeschoben werden. Ihm wurde unterstellt, er sei nur zum Christentum übergetreten, um in Deutschland Asyl zu bekommen. Daraufhin reichte er mit Unterstützung seiner Anwältin Klage ein. Zur Vorbereitung für die Anhörung hatte er ein Gespräch mit der Anwältin und wir besuchten schon mal das Gerichtgebäude, sodass der Weg dorthin am Anhörungstag keine Probleme bereiten würde. Außerdem stand er in Kontakt mit seinem Pastor. Da die Situation für ihn extrem belastend war, begleitete ich meinen Mentee außerdem zu einem Notfalltermin bei einer Psychiaterin. Einen solchen Notfalltermin bekommt man mit Hilfe eines Dringlichkeitscodes über den/die Hausarzt/-ärztin. Auf die Anhörung werde ich nicht im Detail eingehen, um die Anonymität meines Mentees zu wahren. Für mich war diese Anhörung die erste Erfahrung in einem Gericht. Mein Eindruck war, dass es sehr von dem Richter oder der Richterin abhängt, wie die Entscheidung über das Leben des/r Klagenden ausfällt. Mein Mentee schlug sich sehr tapfer. Er hatte das Glück, einer freundlichen Person gegenüber zu sitzen.
Ihm wurde Glauben geschenkt und der Ablehnungsbescheid wurde aufgehoben. Mein Mentee bekommt subsidiären Schutz nach §4 AsylG. Dieser Aufenthaltstitel öffnet ihm einige Türen. Doch zunächst gilt es, sich von den schlaflosen Nächten der letzten Wochen zu erholen und die Schulden bei der Anwältin zu begleichen. Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass die Anhörung realitätsfern war. Alles drehte sich darum, ob er wirklich Christ sei, da dies juristisch als ein Grund für Verfolgung in seinem Herkunftsland anerkannt wird.
Dass jemand vor Gericht seinen persönlichen Glauben fremden Menschen vortragen muss, damit diese über seine Zukunft entscheiden, erscheint mir absurd und würde für mich persönlich einen tiefen Eingriff in die Privatsphäre bedeuten. Und selbst wenn ein Mensch zu einer anderen Religion übertritt, um bessere Chancen auf einen Aufenthaltstitel in Deutschland zu bekommen, sehe ich das als ein Zeichen für die Verzweiflung der Person und den Willen in Deutschland zu bleiben, nicht als einen Grund, ihr grundsätzlich zu misstrauen. Über die anderen Dinge, die die letzten Wochen passiert sind, werde ich im nächsten Beitrag berichten. Frohe Feiertage!

Quelle BAMF (2017) Persönliche Anhörung, Online: http://www.bamf.de/DE/Fluechtlingsschutz/AblaufAsylv/PersoenlicheAnhoerung/persoenliche-anhoerung-node.html;jsessionid=E3774FC75DC9742C88C4B11B15EBFB52.2_cid294 (21.12.2017)

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